Lost Places

Geisterstadt Consonno

16. November 2017

Meine Tochter kennt meine Liebe zu Lost Places. Zum Geburtstag schenkte sie mir dieses Buch und ich schaute sofort, ob ein Urban Explorer in der Nähe ist. Japan und die Ukraine sind definiv zu weit weg. Aber da war der geplante Urlaub in die Toskana und die Geisterstadt von Consonno in der Lombardei gar nicht so weit weg. Ein Tagesausflug.

Der Graf Mario Bagno kaufte 1962 quasi das Dorf Consonno für 22,5 Millionen Lire und ließ nur die Kirche und das Pfarrhaus stehen. Es sollte ein Vergnügungspark wie in Las Vegas entstehen. Geprägt von internationalem Design und unterschiedlichen Zeiten. Griechischem Säulengang, arabische Passagen, chinesischer Garten, Tanzen unter freiem Himmel und ein 30 Meter hohes Minarett.

Die Idee des Grafen war gut. Ende der 60er/ Anfang 70er war es der Treffpunkt für die Schönen und Reichen. Consonno boomte. Der Graf hatte noch größere Pläne. Ausbauten über gigantischem Ausmaß. Leider durchkreuzte ein Hochwasser und folgender Erdrutsch seine Pläne. Die Zufahrtsstraße war zerstört. Die Gemeinde und er konnten sich nicht einigen, wer für den Schaden aufkommt. Consonno zerfiel langsam. Ein Wiederbelebungsversuch Ende der 80er als Altersresidenz scheiterte leider. Den Rest der Verwüstung entstand durch einen Rave 2007. Graffiti, Zerstörungswut und der Lauf der Natur tun der Vergnügungsstadt nicht gut.

Kein Hauch von Glamour mehr. Prunkvolle Läden lassen sich nur noch erahnen. Verlassen und dem Zahn der Zeit überlassen. Was nicht heißt, dass man hier alleine ist. Consonno ist kein Geheimtipp mehr. Sehr beliebt für leicht bekleidete Frauen in unterschiedlichsten Outfits und ihren Fotografen. Gothic, aber es wird auch nur in High Heels auf rostigen Treppen in die Kamera gelächelt.

Spätestens als wir den Mittelpunkt, die Kirche mit einen großen Platz davor entdeckt hatten, war uns klar, dass dieser Ort gar nicht so verlassen war. Gestutzte Hecken. Gepflegte Beete und ein Mülleimer sotiert nach recyclebaren Abfall. Ein Pärchen, mit dem wir uns kurz unterhielten, berichteten, dass die Bewohner aus der Umgebung regelmäßig dort Feste feiern. Sie möchten den Ort Consonno wieder zum Leben erwecken. Vielleicht haben sie die ehemalige Vergnügungsstadt gekauft? Bis vor kurzem, konnte man die Geisterstadt von den Erben des Grafen Bagno für 12 Millionen Euro erwerben. Gerüchte sagen aber, dass sie verkauft wurde.

Der weiße BH ist definitiv nicht aus der goldenen Zeit von Consonno. Was er wohl zu berichten hat? Ist ja kein Gegenstand, den man mal aus versehen liegen lässt. Eine Trophäe? Bei einem Stelldichein überrascht worden und keine Zeit mehr gehabt ihn zu suchen?

Ich bin neugierig. Solltest Du den BH wieder erkennen, dann schicke mir doch bitte die Geschichte dazu!

 

Und noch etwas interessiert mich brennend. Die meisten Lost Places, die ich besucht habe, sind übersät von Graffiti. Warum? Die Gebäude sind abbruchreif und stehen wahrscheinlich in den nächsten fünf Jahren nicht mehr. Was ist der Grund, sich trotzdem mit seiner Kunst dort zu verewigen? Ausprobieren? Seinen Stempel aufdrücken? Oder nur sinnloser Vandalismus? Wenn andere schon die Fenster eingeschlagen und die Möbel zertrümmert haben, dann kann ich da auch meine Ideen an die Wände sprühen?

Ich persönlich möchte einen Lost Place so zurück lassen, wie ich ihn vorgefunden habe. Das heißt, es wird nichts zerstört, mitgenommen oder Müll zurück gelassen. Erinnerungen sind in meinem Kopf oder fotodokumentiert. Auf die Idee, dort etwas von mir zu hinterlassen würde ich nicht kommen. Es ist und bleibt Hausfriedensbruch. Denn irgendjemanden gehört dieses Stückchen Erde. Und Geld auszugeben, um eine Botschaft für die Welt an eine Wand zu sprühen, erscheint mir im Zeitalter des Internets als verschwendet. Die Farbdosen sind bestimmt nicht billig.

Kunst oder Vandalismus?

Oder die Frage: was ist die Botschaft dahinter?

In der Geisterstadt hatte ich keine Angst von der Polizei erwischt zu werden. Ganz anders war es da in einer Gießerei, die wir kurz hinter der Autobahnausfahrt Lago di Garda Nord entdeckt hatten. Gut gesichert mit einem hohen Zaun. Mehrmals mussten wir das Gelände, von ca zwei Fußballfeldern umfahren, bis wir ein Loch im Zaun entdeckten. Mit einem VW Bus mit Wohnwagenanhänger parkt man ja nicht so richtig unauffällig auf einem Grünstreifen.

Der Weg zu den Gebäuden war mit Klettern und stachligen Brombeersträuchern erschwert. Und das Innere der Firma ein wirklich verlassener Ort. Nicht besonders aufregend.

Bis zu dieser Treppe. Sieht doch sehr vertrauenerweckend aus, oder? Aber ich war völlig verunsichert. Ich traute mich nicht darüber zu gehen, denn dieser Steg ging über ein Abgrund von ca 20 Metern und ich hatte richtig Angst darüber zu gehen. Hielt das rostige Ding wirklich mein Gewicht? Mein Freund war da weniger ängstlich und erkundigte das neue Gebäude. Und kam und kam nicht zurück. In der Ferne hörte ich Hundegebell, was für mich immer näher kam und suchte schon nach Fluchtpunkten. Aber endlich kam er zurück. Ein bisschen panisch, denn er meinte Stimmen und Schritte gehört zu haben und wir flohen zurück zu unserem Wohnwagen Gespann. Keine Lust auf Begegnung mit der italienischen Polizei.

Hattest Du schon mal Besuch von der Polizei an einem Lost Place?

Viele Grüße

Stine

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